Rhodos

Rhodos (griech. Ródos)

Inhaltsverzeichnis

1 Geographie und Lage

Die Insel R hat eine Fläche von 1398 km² sowie 115.334 Einw. (2001) und liegt 0–1215 m ü. d. M., Hauptstadt Rhodos, Regierungssitz der Präfektur Dodekanes. R. ist Sitz eines Metropoliten, der dem Patriarch von Konstantinopel untersteht.

R. bildet das nordöstliche Ende der Südlichen Sporaden. Das Nordende von R. nähert sich der kleinasiatischen Küste auf knapp 20 km an (Meerenge von R.). Die Küsten bestehen überwiegend aus thalassogenen Flachstränden, die von mesozoisch-alttertiären Kalkmassen durchbrochen werden. Aus Hügel- und Mittelgebirgslandschaften ragen zahlreiche, unabhängig von einander stehende, teils hohe und schroffe Kalksteingebirge (Akramytis 823 m oder Attavyros 1215 m). Die größte Fläche der Insel wird von jungtertiären Ablagerungen bedeckt, die das eigentliche Kulturland der Insel bilden. Da die Wasser scheidende Höhenlinie näher an der Westküste verläuft, fließen die meisten Gewässer nach Osten ab. Der längste Fluss ist der Gadourás. Mit einer jährlichen Niederschlagsmenge von 687 mm und einer Jahresmitteltemperatur von 19,1 °C ist R. regenreich und mild. Die mittlere Temperatur im Januar beträgt 11,7 °C und im Juli 26,9 °C. Die Küsten und Täler sind fruchtbar und erlauben den Anbau von Früchten, Gemüse, Oliven, Sesam, Tabak und Wein. Auf den Kalk-, Flysch- und Geröllflächen bieten Aleppokiefern, Zypressen und Macchien die Grundlage für Kleinviehzucht. Im bebauten Kulturland gedeihen Akazien, Dattelpalmen, Edelkastanien, Quitten, Granatäpfel, Feigenkakteen und Agaven.

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2 Kulturgeschichte

Die Insel war im Neolithikum besiedelt. Spätminoische Siedlungsspuren, Nekropolen aus mykenischer Zeit, Funde ägyptischer Skarabäen aus der 18. Dynastie sowie rhodisch-mykenische Keramikfunde in Süditalien lassen auf einen dicht besiedelten Handelsplatz schließen. Gegen Ende des 10. Jh. v. Chr. siedelten Dorier auf R. Der homerische Schiffskatalog nennt die Städte Kameiros, Iēlysos und Lindos, die zusammen mit Kos, dem Apollonheiligtum in Triopion bei Knidos und der Stadt Halikarnassos eine „Sechsstadt“ (Hexapolis) und eine Amphiktyonie um das Kultzentrum des Triopischen Apollon bildeten. Lokale und importierte Fundstücke bezeugen Handelsaktivitäten vom 8.–6. Jh., rhodische Keramik aus dem 7. Jh. fand im gesamten Mittelmeerraum Verbreitung. Aus mykenischen Nekropolen stammen Tongefäße, Terrakotten und Sarkophage sowie vereinzelt Bronze- und Goldschmiedeprodukte; die geometrische Keramik zeigt attische Einflüsse. Im 8./7. Jh. entwickelt die rhodische Keramik einen lokalen Stil. Ein Einfluss Kleinasiens zeigt sich in orientalisierenden Tierfriesen. Eine Blüte erlebte die Goldschmiedekunst. Rhodisch ist der sog. Fikellura-Stil.

Lindos entwickelte sich zum bedeutendsten Hafen. Von dort wurden um 690 auf Sizilien die Kolonien Gela und Akragas (heute Agrigent) gegründet, um 600 Apollonia am Schwarzen Meer. Im 6. Jh. wurden in Kameiros und Lindos Münzen geprägt. 480 v. Chr. kämpften rhodische Schiffe an der Seite der Perser. Später gehörten die rhodischen Poleis zum Attisch-Delischen Seebund. Auf Betreiben adliger Familien verbündete R. sich 411 v. Chr. mit Sparta. 408/07 v. Chr. schlossen sich die Städte Iēlysos, Kameiros und Lindos zu einem einheitlichen staatlichen Gebilde mit eigener Verfassung und einheitlicher Münzprägung zusammen. Im Zuge des Synoikismos wurde die neue Hauptstadt R. an der Nordspitze der Insel gegründet. Die Stadt diente Sparta als Stützpunkt gegen die Perser. R. revoltierte jedoch mithilfe der Perser gegen die Spartaner und gegen die eigene Oberschicht. Seit 378/77 v. Chr. war R. Mitglied des Zweiten Attischen Seebundes. 355 v. Chr. geriet R. unter die Herrschaft des persischen Satrapen und karischen Dynasten Maussollos II. An der Seite der Perser opponierte R. gegen Philipp II. von Makedonien, trat aber 332 v. Chr. auf die makedonische Seite über. Das Überstehen der Belagerung R.s durch Dēmētrios Poliorketes während der Diadochenkämpfe 305 v. Chr. veranlasste die Errichtung des als Weltwunder bekannt gewordenen „Koloss von R.“, eine 30 m hohe Bronzestatue zu Ehren des Sonnengottes Helios. 227/226 v. Chr. zerstörte ein Erdbeben Stadt und Koloss. R. erhielt von den hellenistischen Reichen Aufbauhilfen, weil es der Piraterie Einhalt gebot. Dies brachte wirtschaftlichen Wohlstand. In der Stadt lebten über 60.000 Einwohner. Sie gehörte zu den bedeutendsten kulturellen Zentren der Antike und besaß mächtige Befestigungsanlagen, eine Akropolis, ein Stadion, ein Theater und einen Apollontempel. Während R. politisch und wirtschaftlich in römische Abhängigkeit geriet, blühte das kulturelle Leben auf. Die Philosophen- und Rednerschule zog viele Persönlichkeiten der antiken Welt an. Kunstwerke wie die „Laokoon-Gruppe“ (Rom), die Statue „Nike von Samothrake“ (Paris) oder der „Farnesische Stier“ (Neapel) stammen aus dieser Zeit. Bedeutende Philosophen des Späthellenismus (Panaitios, Poseidonios) lehrten in R. Es gab eine jüdische Gemeinde. Die Insel verfügte über Schiffswerften und war Warenumschlagsplatz für den Mittelmeerhandel. Es gab Niederlassungen von Geschäftsleuten aus Phönizien und Ägypten, rhodische Münzen sind in der Ägäis, rhodische Tongefäße im gesamten Mittelmeergebiet verbreitet.

Während des Zweiten Römisch-Makedonischen Kriegs war R. als Anführer des „Nesiotenbundes“ (nesiotai) und Schirmherr der Ägäis freier Bündnispartner Roms gegen Philipp V. von Makedonien. Die Bündnistreue brachte R. 188 v. Chr. Gebiete in Karien und Lykien ein, die ihm jedoch 167 v. Chr. wegen Unabhängigkeitsbestrebungen wieder entzogen wurden. Rom erklärte die Insel Delos zum Freihandelshafen, was das Ende von R. als Handelsplatz bedeutete. Ein 164 v. Chr. mit Rom geschlossener Bündnisvertrag beendete die politische Unabhängigkeit. R. unterstützte Rom 147/46 v. Chr. im Krieg gegen Karthago. 88 v. Chr. konnte ein Angriff von Mithradates VI. abgewehrt werden. Während des römischen Bürgerkriegs konnte sich R. aus dem Kämpfen heraushalten, wurde 42 v. Chr. aber Opfer eines Raubüberfalls durch den Caesarmörder Cassius. R. verlor seine Flotte, zahlreiche Kunstgegenstände wurden nach Rom abtransportiert. Augustus gewährte der Insel einen Partnerschaftsvertrag. Nero begünstigte R. ebenfalls, doch entzogen die Kaiser Claudius und Vespasian der Insel die Freiheiten wieder. In den Jahren 155 und 343/344 wurde die Stadt R. von einem Erdbeben zerstört. 263 wurde die Insel von den Goten heimgesucht, die von Kaiser Claudius vertrieben werden konnten.

Unter Diokletian wurde R. 297 zur Hauptstadt der neu geschaffenen ›Provincia insularum‹ erhoben und von einem ›Hegemōn‹ verwaltet. R. wurde Ende des 4. Jh. Sitz des Metropoliten der Kykladen und verfügte über elf Suffragane. 470 verheerten die kleinasiatischen Isaurier die Insel. Kaiser Anastasios ließ das 503 und 515 von einem Erdbeben zerstörte R. wieder aufbauen. Dabei schrumpfte die Stadt auf die Größe der heutigen Altstadt. Unter Justinian wurde 533 das rhodische Seerecht in das Gesetzeswerk der ›Digesten‹ übernommen. 620 wurde R. von den Persern erobert, 653 von den Sarazenen, die für 25 Jahre auf der Insel herrschten. 654 plünderte Kalif Muʿāwıya die Insel und brachte die Überreste des Kolosses fort, die ein jüdischer Händler aus Edessa auf 900 Kamele verladen haben soll. 714/715 versammelte sich eine byzantinische Flotte in R. gegen die Sarazenen, die die Insel 717 eroberten. In dieser Zeit nahmen Bevölkerung und Wirtschaftskraft ab, doch zeugen die zahlreichen Kirchenbauten überall auf der Insel von einer beachtlichen Gemeindestruktur.

807 belagerte der Kalif Hārūn ar-Rašīd vergeblich die Stadt und verwüstete die Insel. Der arabische Geograph al-Masʿūdī erwähnt unter dem Jahr 943/44 ein Arsenal und Schiffswerften auf R. Als Festungsorte sind neben der Hauptstadt R. Lindos, später auch Pharaklos bezeugt. Kōnstantinos VII. Porphyrogennētos beschreibt R. als Mittelpunkt der Theme der Kibyrraioten. Ab 1082 unterhielt Venedig einen Handelsstützpunkt. R. war Flottenbasis während der Kreuzzüge; zwischen 1097 und 1099 brachten rhodesische Handelsschiffe Güter ins Kreuzfahrerlager nach Antiochia (heute Antakya). Kreuzfahrer und Pilger machten auf ihrem Weg nach Palästina auf R. halt und hoben Söldner aus. 1124/25 plünderten und eroberten die Venezianer die Insel, 1204 wurde sie ihnen zugesprochen. Der byzantinische Gouverneur der Insel, Leon Gabalas, erklärte R. indes für unabhängig, erhob sich für 20 Jahre zum Herrscher und legte sich den Titel Caesar zu. 1224 unterwarf er sich Byzanz, R. wurde 1232/3 von Iōannēs III. Doukas Vatatzēs übernommen und von einem ›komes‹ regiert. Gabalas wandte sich 1233 Venedig zu, das ihn als Herrscher über R. und die Kykladen anerkannte, Mit Venedig bestanden Handelsvertrag und Vasallenverhältnis, bis 1248 die Genuesen mit achäischer Unterstützung die Insel eroberten. Genua übte die Herrschaft bei gleichzeitiger Anerkennung der Oberhoheit des byzantinischen Kaisers aus. Im Zuge eines Eroberungsplans für die Inseln der Dodekanes zwischen dem genuesischen Admiral Vignolo dei Vignoli und dem Großmeister des Johanniterordens, Foulques de Villaret, begann 1306 die Belagerung von R. durch die Johanniter. Mit dem Fall der Stadt R. im August 1309 kam die Insel in den Besitz des Johanniterordens. Bei der Übernahme durch die Johanniter lebten in auf R. ca. 10.000 Griechen, 500 Ritter und 1000 Söldner. Die Ritterschaft bestand aus Franzosen, Deutschen, Engländern, Italienern und Spaniern. In der Stadt gab es ein Judenviertel. Außerhalb des Kastells lebten Griechen und Lateiner gemischt. In dieser Zeit entstanden viele Fresken, die palaiologische und westliche Einflüsse zeigen. In der Stadt wurden Befestigungsmauern mit Toren und Türmen, auf dem Land zahlreiche Burgen errichtet.

Während der Herrschaft der Johanniter landeten zahlreiche Schiffe aus Genua, Venedig, Florenz, aus Sizilien und aus der Provence im Hafen von R. Die Ritter handelten mit Tuch, Luxusgütern und Zucker. Importiert wurden Wein aus Kreta, Nüsse und Öl aus Süditalien und Weizen aus Kleinasien. Der Handel mit dem Orient blühte, Ordensritter unterstützten Kreuzzüge. Die Ritter wurden in Kämpfe gegen die Mamelucken, die Ägypter und, nach gescheiterten Vertragsverhandlungen mit Sultan Meḥmed II., gegen die Osmanen verwickelt. 1480 belagerte die osmanische Flotte erfolglos drei Monate lang die Insel. R. erlebte vierzig Jahre der Prosperität und des Friedens, in denen zahlreiche Seesiege über die Osmanen und Ägypter gelangen.

Nach siebenmonatiger Belagerung eroberte Süleymān II. 1522 die Insel, Großmeister Philipp de Villiers de l’Isle kapitulierte und übergab R. 1523 dem Sultan, viele Griechen emigrierten. Christen, Juden und Türken lebten in den ersten anderthalb Jh. friedlich nebeneinander. Während der Osmanenherrschaft hatte Venedig eine Handelsniederlassung, die Insel war Umschlagplatz für Zitrusfrüchte, Getreide, Gemüse, Gewürze und Medikamente. In Lindos unterhielten Reeder und Kaufleute eine Handelsflotte, die das gesamte Mittelmeer befuhr. Im 17. Jh. mehrten sich Aufstände gegen die Osmanen, Griechen durften nicht mehr in der Stadt wohnen. Einige Kirchen wurden in Moscheen umgewandelt. Die türkischen Herrscher errichteten um 1765 ein Bad, einen Bazar, 1794 eine Bibliothek und einige Wohnhäuser. Bereits unter Süleymāan II. war ein Fünftel der Bevölkerung türkisch.

Während des türkisch-venezianischen Krieges um Kreta im 17. Jh. war R. Flottenbasis und Arsenal der Osmanen, 1799 sammelte sich dort die osmanische Flotte während des Ägyptenfeldzugs Napoleons. Die osmanischen Reformen im Schulwesen im 19. Jh. und die vermutlich schon im 16. Jh. zugestandene Selbstverwaltung der griechischen Bevölkerung brachten R. Privilegien ein. Der Befreiungskampf der Griechen führte zu einer schlechteren Behandlung der Christen, die Insel wurde zudem wirtschaftlich von den Osmanen nicht mehr gefördert.

Ende des 19. Jh. lebten knapp 7000 Moslems, etwa 20.000 griechisch-orthodoxe Christen und etwa 1500 spanische Juden in R. 1896 flüchteten türkische Familien aus Kreta und siedelten in R. Kleidung, Lebensweise und Volkskunst zeigen viele Vermischungen zwischen Griechen und Türken auf, aber eine Vermischung der Bevölkerung fand nicht statt.

1912 eroberten die Italiener R. im Zuge ihrer Kolonialpolitik; die Eroberung wurde in den Friedensverträgen von Sèvres 1920 und von Lausanne 1923 mit einem Verzicht seitens der Türkei legitimiert. Die Stadt R. wurde zum Zentrum der Dodekanes unter italienischer Verwaltung erhoben.

Mit dem griechisch-türkischen „Bevölkerungsaustausch“ 1922 kamen etwa 4000 Griechen nach R. 1928 lebten 45.000 Menschen auf der Insel, knapp die Hälfte davon in R. Die Stadtbevölkerung bestand etwa zu gleichen Teilen aus Moslems, orthodoxen Griechen, spanischen Juden und italienischen Katholiken. Die Landbevölkerung blieb griechisch. Die als Landarbeiter, Händler, Verwaltungsbeamte und Militärs tätige italienische Bevölkerung assimilierte sich kaum. Die italienische Verwaltung traf Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur und legte damit den Grundstein des modernen R. Sie ließ auch archäologische Grabungen, Inventarisierungs- und Restaurierungsarbeiten vornehmen. Nach einem Besuch Joseph Goebbels’ 1940 flohen zahlreiche Juden nach Palästina oder wurden in deutsche Konzentrationslager deportiert. Zugleich wurden alle männlichen Griechen zwischen 20 und 60 Jahren interniert. Viele Bewohner flohen auf die benachbarten Inseln. Im März 1942 beschossen die Alliierten italienische Basen. Nach der Kapitulation der italienischen Besatzung besetzten deutsche Truppen die Insel. Am 1.5.1945 eroberten die Briten R., das am 31.12.1947 mit Griechenland vereinigt wurde.

Nach dem Krieg siedelten Inselgriechen in R., der größte Teil der türkischen Bevölkerung emigrierte während der Kriegsjahre. Wirtschaftliche Prosperität führte zu einem weiteren Anstieg der Bevölkerung. Die Bevölkerung besteht heute zum größten Teil aus orthodoxen Griechen. Es gibt noch eine geringe Zahl an Türken sunnitischen Glaubens, die einen eigenen Mufti als geistliches Oberhaupt haben, und wenige Juden. Maßgeblicher Wirtschaftsfaktor ist der Fremdenverkehr, in dessen Zug die Herstellung von Keramikprodukten, Web- und Stickereierzeugnissen sowie Souvenirs floriert.

Wiemer H.-U. 2002: Krieg, Handel und Piraterie. Untersuchungen zur Geschichte des hellenistischen Rhodos. Berlin (= Klio. Beiträge zur Alten Geschichte. Beihefte. Neue Folge 6). Sonnabend H., Niehoff J. 2001: Rhodos. Cancik H., Schneider H. (Hg.): Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike 10. Stuttgart, 996–1000. Koder J. 1999: Rhodos. Angermann N. (Hg.): Lexikon des Mittelalters 7. München, 795–796. Wittenburg A. 1989: Rhodos. Lauffer S. (Hg.): Griechenland. Lexikon der historischen Stätten. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München, 588–593. Philippson A. 1959: Griechische Landschaften. Eine Landeskunde. Bd. 4: Das aegaeische Meer und seine Inseln. Frankfurt a. M., 329–452.

(Antje Niederberger)

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