Rus (Taufe)

Taufe der Rus

In der „Erzählung von den vergangenen Jahren“ (altkirchenslaw. Pověstʹ vrěmennych lět, auch: Nestorchronik) finden sich über die T. d. R. zwei Darstellungen: Nach der ersten befragte Vladimir, gen. „der Heilige“ Fürst von Kiew und Novgorod, um das Jahr 986 muslimische Wolgabulgaren, einen jüdischen Chasaren, einen „deutschen“ Angehörigen der römischen Kirche sowie einen griechischen Philosophen zu ihrem Glauben. Anschließend beauftragte er Gesandte, die jeweilige Glaubenspraxis vor Ort zu erkunden. Zurück in Kiew plädierten diese für den griechischen Glauben, denn während der orthodoxen Liturgie hätten sie nicht mehr Himmel und Erde unterscheiden können, so beeindruckt seien sie gewesen.

Der zweite Bericht erzählt von Vladimirs Feldzug gegen die byzantinische Festung Chersonēsos auf der Krim, nach deren Einnahme er von den Kaisern Basileios II. und Kōnstantinos, die Heirat mit deren Schwester Anna Porphyrogennēta, verlangte. Ihre Bedingung dafür war seine Taufe.

Schon Vladimirs Großmutter Olʹga war Christin geworden, hatte jedoch ihren Glauben nicht verbindlich eingeführt. Vladimirs politische Motivation für die T. d. R. lässt sich trotz aller Ausschmückungen – vor der T. d. R. war er ruchlos, danach gottesfürchtig und fromm – anhand der Chronik gut nachvollziehen. Die von verschiedenen Staaten und Herrschaftsgebilden umgebene Rus musste sich zur dauerhaften Sicherung einen starken Partner suchen. Olʹga hatte daher schon 959 den Kaiser des ›Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation‹ Otto (I.) d. Gr. um die Entsendung von Priestern gebeten, aber auch eine Hinwendung zum Islam und damit eine Annäherung an die Wolgabulgaren stellte eine politische Alternative dar.

Tatsächlich ging jedoch die Initiative zur T. d. R. von Byzanz, der wirtschaftlich und politisch wichtigsten Macht der Region, aus: Angesichts der Bedrohung durch einen Gegenkaiser, baten Basileios II. und Kōnstantinos Vladimir um Hilfe und versprachen ihm die Ehe mit Anna. Nach dem erfolgreichen Einsatz von 6000 Warägern nahmen die Kaiser jedoch wieder von ihrer Zusage Abstand und gaben erst nach der Belagerung der Krim durch Vladimir ihre Einwilligung. Noch nie zuvor hatte ein ausländischer Fürst eine „in Purpur“, d.h. als Tochter eines regierenden Kaisers geborene Prinzessin ehelichen können. Selbst Kaiser Otto II. hatte nur eine Prinzessin von geringerer Geburt zur Frau bekommen. Für Vladimir bedeutete diese Heirat einen beachtlichen Prestigegewinn: Der Fürst der Kiewer Rus rangierte nun im byzantinischen Protokoll noch vor dem römischen Kaiser.

Die Christianisierung der Rus erfolgte nach der Taufe Vladimirs 988 nur schrittweise, auch wenn die Chronik von einer Massentaufe im Dnjepr berichtet; heidnische Bräuche blieben noch lange erhalten. Die Annahme der Orthodoxie hatte weitreichende Folgen: Das abendländische Schisma (1054) führte zu einer Entfremdung vom lateinischen Westen. Die Vermittlung kirchlicher Texte durch das Kirchenslawische förderte zwar die Verbreitung der christlichen Lehre, verhinderte jedoch die Aneignung der griechischen Sprache und somit die Rezeption von antiker Philosophie, Literatur und weltlichem Recht. Dieser Mangel prägte die Geschichte von Staat, Kultur und Gesellschaft bis weit in das 17. Jh. und hat Auswirkungen bis in die Gegenwart. Nach dem Fall Konstantinopels 1453 distanzierte sich die russische Chronistik von der Rolle der Griechen bei der T. d. R. und pflegte die Andreas-Legende, der zufolge die Rus vom Apostel Andreas die Taufe erhielt.

Tschiževskij D. (Hg.) 1969: Die Nestor-Chronik. Wiesbaden, 82–119 (= Slavistische Studienbücher VI). Rüss H. 1981: Das Reich von Kiev. Hellmann M., Zernack K., Schramm G. (Hg.): Handbuch der Geschichte Russlands, Bd. I.1. Stuttgart, 302–312; Poppe A. 1976: The Political Background to the Baptism of Rus’. Byzantine-Russian Relations between 986–989. Dumbarton Oaks Papers 30, 197–244. Klimenko M. 1969: Ausbreitung des Christentums seit Vladimir dem Heiligen bis zum 17. Jh. Versuch einer Übersicht nach russischen Quellen. Berlin-Naumburg. Čičurov I. S. 1990: „Choždenie apostola Andreja“ v vizantijskoj i drevnerusskoj cerkovno-ideologičeskoj tradicii. Cerkov', obščestvo i gosudarstvo v feodal'noj Rossii. Sbornik Statej. Moskva, 7–23.

(Wolfram von Scheliha)


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